Zwei junge Menschen, zehn letzte Wünsche und eine Reise – Wir fliegen, wenn wir fallen

„Unsere Welt besteht aus vielen kleinen Wundern, wir nehmen uns nur zu selten die Zeit für sie.“ (S.115)

Sehet und staunet: Hinter dem quitschig-bunten Cover von „Wir fliegen, wenn wir fallen“ verbirgt sich mehr als nur eine kitschige Love-Story. Statt einfach nur zwei gegensätzlich Charaktere aufeinander loszulassen, vermittelt Ava Reed neben besagter Liebesgeschichte tatsächlich auch eine Botschaft. Ein Botschaft, so tiefgründig, dass man ein Wandtattoo daraus machen könnte.

 

wir fliegen wenn wir fallen

Bildquelle: ueberreuter-Verlag

Eine Nacht unter den Sternen schlafen. Einen Spaziergang im Regenwald machen. Die Nordlichter beobachten … So beginnt eine Liste mit zehn Wünschen, die Phil nach seinem Tod hinterlässt, gewidmet seinem Enkel Noel und der siebzehnjährigen Yara. Phils letztem Willen zufolge sollen sich die beiden an seiner statt die Wünsche erfüllen. Gemeinsam. Yara und Noel, die sich vom ersten Moment an nicht ausstehen können, willigen nur Phil zuliebe ein. Doch ohne es zu wissen, begeben sich die beiden auf eine Reise, die nicht nur ihr Leben grundlegend verändern wird, sondern an deren Ende beiden klar ist: Das Glück, das Leben und die Liebe fangen gerade erst an. 

Quelle: LovelyBooks

  • Autorin: Ava Reed
  • Genre: Young Adult
  • Verlag: Ueberreuter
  • Seiten: 304
  • ISBN: 978-3-7641-7072-1


 

Das traurige Mäuschen, der Burger-Bastler und der Heilige

In diesem Roman ist es ganz besonders wichtig, dass unsere Protagonisten Yara und Noel so verschieden sind wie nur möglich. Und diese Gegensätzlichkeit kommt vor allem in den ersten Kapiteln gut zur Geltung:

Maus

In der blauen Ecke steht … Yara, das traurige Mäuschen! Das Mädchen hat ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hat und schleppt die Schuld der Überlebenden mit sich herum. Sie hat keine anderen Hobbys als einen blinden Mann im Altersheim zu besuchen und ihm vorzulesen. Offenbar hat Yara keine Freunde und bis auf ihre Tante Em und Phil, den alten Mann, scheint sie kaum soziale Kontakte zu haben. Kurz gesagt: Yara ist das stille graue Mäuschen, das schüchterne Mädchen, das sich selbst eine enorme Schuld aufgeladen hat.

fast food

In der roten Ecke haben wir … Noel, den Burger-Bastler! Zu seinem Bild als Versager-Typ gehört ein 30m²-Drecksloch mit nur einer funktionierenden Herdplatte und das wichtigste von allem: Lebenslange Verdammnis in der fettigen Küche von McDonald´s.  Noels Mutter hat ihn sitzengelassen, seinen Vater kennt er nicht und der einzige Verwandte ist sein Großvater Phil, den er so gut wie nie besucht. Über sich selbst behauptet er, er habe sich gehen lassen und den Verlust seiner Mutter in Alkohol ertränkt, aber die Party-Kerl-Ausstrahlung fehlt ihm.

heiligenschein

Alle Fäden laufen zusammen in den Händen des Heiligen. Er hört auch auf den Namen Phil und stellt die einzige Verbindungsstelle zwischen Yara und Noel dar. Vorausschauend wie er nun mal ist, plant er, seinen beiden Schützlingen das Leben zu zeigen, indem er stirbt.

Mit seinem Tod lässt der Heilige das traurige Mäuschen und den Burger-Bastler nur mit einer Liste letzter Wünsche und einem gut gefüllten Sparbuch bewaffnet aufeinander los. Und was wird nun geschehen, wenn sich zwei so gegensätzliche Charaktere treffen?
Genau! Erst einmal wird kräftig zum Ausdruck gebracht, dass sie sich nicht ausstehen können und lieber ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springen würden als sich zu unterhalten, darauf folgt die Erkenntnis, dass der andere doch nicht soooo schrecklich ist und eins führt zum anderen.

Diese Love-Story ist so vorhersehbar, dass es nicht mal ein Spoiler ist, wenn ich euch jetzt sage, dass sie sich im Laufe des Romans „näher kommen“.

Wir haben in diesem Roman zwei sehr unterschiedliche Charaktere: Ein schüchternes stilles Mädchen und einen Versager, die von einem blinden alten Mann auf eine Reise geschickt werden. Es kommt wie es kommen muss und eine vorhersehbare Liebesgeschichte entwickelt sich, während der alte Mann auch im Tod noch im Hintergrund die Fäden zieht.

 

Süße Love-Story oder tiefgründiges Werk?

Worum geht es in diesem Roman überhaupt? Ist es in erster Linie eine Liebesgeschichte, eine Reisegeschichte oder doch etwas anderes?

Ja, es gibt eine Liebesgeschichte, die sich selbst auch ziemlich in den Vordergrund drängelt, aber trotzdem geht es doch um mehr als nur eine flauschig-fröhliche Love-Story, die mit einem Hauch Tragik einen weiteren 08/15-Young Adult-Roman ergibt.

Ich kann mich auch nicht dazu durchringen, diesen Roman als fiktiven Reisebericht abzustempeln, denn obwohl er Lust macht, sich in den nächsten Flieger zu setzen und eine Palme in Brasilien zu pflanzen oder sich in Italien den Bauch mit Eis vollzuschlagen, geht es im Prinzip nicht nur darum, die Welt zu sehen, sondern um das, was Phil auf Punkt 10 seiner Liste setzt: Leben.

Dieser Roman wirft auf humorvolle Weise die Frage auf, was genau man sich eigentlich vom Leben erwartet und ob man seine eigene Liste erfüllen kann, bevor es zu spät ist, bevor man krank wird oder einen Unfall erleidet, bevor man das unbekannte „Ablaufdatum“ überschreitet.
Es geht auch darum, was es eigentlich bedeutet zu leben, nicht nur zu atmen, sondern wie Phil es ausdrücken würde „zu hoffen, zu lieben, zu fühlen“ (S.215).

Diese Botschaft wird sehr gut übermittelt, es gibt traurige Teile, wie zum Beispiel Phils Tod und es gibt lustige Phasen, vor allem im brasilianischen Regenwald.
Allerdings gibt es in meinen Augen immer dann ein Problem, wenn ein Autor versucht, einen möglichst tiefgründigen Roman zu schreiben. Es kommt nicht selten vor, dass sich im Buch letztendlich eine Menge „bedeutsame Sätze“ finden, von der Sorte, die man sich an die Wand tätowieren könnte. So etwas zum Beispiel:

„Worte sind mächtig. Sie können Wunden verursachen, sie aufreißen oder sie heilen. Sie können dich glücklich machen oder dich zerstören. Worte können das so gut. Weil sie dich äußerlich nicht berühren, sondern innerlich. Sie dringen in dich ein, sie heilen oder verletzen dich, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, ohne dass du etwas dagegen tun kannst.“ (S.194)

Oder wie wäre es damit?

wandtattoo

 

All in all

Bevor wir zu einer endgültigen Bewertung kommen, sollten wir uns oben genannte Punkte noch einmal vor Augen führen:

  1. Yara und Noel stellen zwei völlig gegensätzliche Charaktere dar, deren Unterschiedlichkeit vor allem in den ersten Kapiteln gut zur Geltung kommt: Yara ist das graue Mäuschen und Noel der Versager, der den lieben langen Tag in McDonald´s Küche verbringt.
  2. Der Roman ist nicht nur eine Liebesgeschichte oder ein fiktiver Reisebericht, er enthält auch eine wichtige Botschaft, die durchaus beim Leser ankommt.
  3. Leider greift die Autorin zu diversen unglaublich tiefgründigen Sätzen und Passagen um Punkt zwei zu erfüllen. Dies hat eine unrealistisch scheinende Denkweise der Protagonisten zur Folge.

4_luftballons

Zweite und dritte Meinung:

Ich weiß, ich bin ein unglaublich glaubwürdiger Mensch, aber in meiner großartigen Bescheidenheit lege ich euch doch ans Herz, mehr als nur (m)eine Meinung in Augenschein zu nehmen. Um euch die Arbeit zu ersparen wir fliegen wenn wir fallen ava reed rezension zu googlen, verlinke ich euch hier einige Rezensionen:

  • Kitsunebooks kann sich mit Ava Reed nicht so richtig anfreunden, sieht aber eine Steigerung im Vergleich zu „Mondprinzessin“.
  • Giverney hingegen ist begeistert und legt euch diesen Roman ganz, ganz nah ans Herz.
  • Ela sieht einen ähnlichen Schwerpunkt wie ich und ist (fast?) restlos begeistert.

Hat hier sonst noch jemand eine Meinung? Ihr seid herzlich eingeladen, euch an diesem lustigen Kommentarfeld unten zu vergnügen.

 

 

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3 Gedanken zu „Zwei junge Menschen, zehn letzte Wünsche und eine Reise – Wir fliegen, wenn wir fallen

  1. Hallo und erst einmal vielen lieben Dank für die Verlinkung!

    Deine Rezension gefällt mir wirklich richtig gut, sie ist schön strukturiert und verrät nicht zu viel. Man merkt, wie viel Arbeit und Liebe du in deine Bewertung gesteckt hast. Ich bin schon auf deine anderen Beiträge gespannt.

    Liebe Grüße,
    Kitsune

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