Tigermädchen – Die Nacht ist ihr Element

„Sie hatte viele Namen. Das Mädchen in Schwarz, die dunkle Retterin oder das Tier der Nacht.“ (S.6*)

tigermädchen - die nacht ist ihr element

  • Autorin: Delia Muñoz
  • Genre: Fantasy
  • Jahr: 2016 beim Eisermann Verlag
  • Seiten: 413

Sie kontrolliert die Schatten.
Sie sieht im Dunkeln.
Dass Melanie ein Tigermädchen ist, weiß sie noch nicht, als sie ins Camp Cataara eintritt. Zeit, sich einzuleben, wird ihr verweigert. Denn obwohl sie selbst ihre Gaben noch nicht vollständig beherrscht, trachten gegnerische Gruppierungen bereits nach ihr und ihrer Macht. Schon bald wird ihre Freundin Laura entführt und die Gegner fordern einen Tauschhandel – Laura gegen das Tigermädchen. Melanie und ihre Freunde wollen den Handel der Entführer jedoch nicht eingehen und suchen eine andere Möglichkeit, Laura zu retten. Nur auf einen vagen Verdacht hin verfolgen sie die Spur der Gegner, obwohl diese sich immer wieder zu verlieren scheint. Doch nicht nur ihre Informationsquellen wirken wenig vertrauensvoll, auch die neun Jugendlichen selbst haben Geheimnisse voreinander …
Wird Melanie es schaffen, Laura zu finden, ohne sich selbst auszuliefern?

Quelle: Eisermann-Verlag


Vorneweg möchte ich sagen, dass Tigermädchen bei oberflächlicher Betrachtung – Cover und Klapptext – zunächst einen guten Eindruck macht, vielversprechend wirkt. Allein die Tatsache, dass Melanie ein Tigermädchen, eine uns unbekannte Spezies, ist, und damit Draculas voreiligen Gruß aus der Versenkung heraus abwehrt, macht doch neugierig. (Dabei hatte sich Draci schon sooo gefreut, als er die bunten Augen und den tragischen Gesichtsausdruck auf dem Cover gesehen hat…)
Nun ja, mein erster Eindruck ist wohl auch nicht so wichtig und interessiert dich vermutlich so gar nicht, schließlich liest du diese Rezension um zu erfahren, wie es mir denn beim und nicht vorm Lesen ergangen ist. In diesem Sinne: Vorhang auf für die positiven Aspekte!

Einen Roman voller guter Ideen bitte!

Eins muss man diesem Roman ja lassen, kreativ ist er. Wie schon erwähnt werden nicht die armen alten Vampire und Werwölfe auf die Tanzfläche gezerrt, nicht mal eine kleine Fee lässt sich blicken und die Hexen und Zauberer müssen sich wohl bei den Dämonen versteckt haben. Stattdessen werden hier tatsächlich eigene Wesen erfunden, die Naimet. Diese sind Nachkommen von Cataara, einem mittelalterlichen Mädchen, das einen besonderen Draht zu Tieren hatte. Cataara hatte zwei Kinder: Einen Sohn mit einem anderen Menschen und eine Tochter mit einem Tiger. Ja, mit einem Tiger. Du weißt schon, das gestreifte Tier mit den scharfen Krallen und Zähnen. Praktischerweise konnte sie sich in einen Tiger verwandeln, und tadaa … das erste Tigermädchen! Die Nachfahren beider Kinder sind nun also die Naimet, die unter bestimmten Umständen ein Upgrade zum Tigermädchen erhalten können, aber auch wenn ihnen dieser Spaß verwehrt bleibt, können sie sich immer noch mit ihren Gaben trösten. Wenn ich jetzt magische Gaben sage, denkt ihr bestimmt an Fliegen, Unsichtbar-Machen und Gedanken lesen, aber hier kommen die guten Ideen ins Spiel! Statt einfach nur die gängigen Gaben zu bemühen, kommen hier auch Eigen-Kreationen daher, die da wären:

  • ein 360°- Blickfeld ohne den Kopf wie eine Eule drehen zu müssen
  • die Fähigkeit, durch Wände zu gehen und damit die völlige Unabhängigkeit von Türen (und Schlössern)
  • die Fähigkeit, tagelang ohne Essen auszukommen und damit den Erfolg jeder Diät-Mittelchen-Werbung zunichtezumachen
  • sehr reißfeste Haare, die ganz praktisch sind, wenn man mal jemanden fesseln will, aber gerade kein Seil zur Hand hat
  • Dazu kommen noch ein paar gewöhnliche Gaben wie Gedanken-Lesen und Unter-Wasser-Atmen, aber die sind wichtig für die Geschichte.

Wenn wir schon das Magie-Thema angeschnitten haben, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass man um sie zu benutzen keinen Stab zu schwingen oder mystische Sprüche zu hauchen braucht, es gibt nur bei manchen Gaben zeitliche Einschränkungen, z.B. kann Melanie sich nur nachts in ihr Tiger-Ich verwandeln, tagsüber ist sie nur ein schnöder pinkäugiger Mensch.

Apropos Tiger: Ein weiterer positiver Punkt ist die gute Schilderung der ersten Verwandlungen und der Symptome davor. Es ist nicht so als würde es bei Vollmond einmal in Melanies Bauch kribbeln und schwupps! steht sie als ausgewachsener Tiger da. Nein, sie muss sich herantasten: kleine Katze, große Katze, Babytiger, jugendlicher Tiger, GROßER TIGER!

tigermädchen-entwicklung

 

Was war noch mal die Aufgabe eines Klapptexts?

Gewinnspiel!! Beantworte einfach die unten stehende Frage und du kannst dich über ein imaginäres Lenkrad freuen! Uuuund hier kommt sie schon, die Frage aller Fragen….!

Was ist die Aufgabe eines Klapptexts?

Ist es
a) den Leser neugierig auf das Buch zu machen
oder vielleicht doch
b) die großen Enthüllungen schon jetzt zu verraten und dazu noch falsche Informationen zu streuen
???

Auflösung folgt nach einer KURZEN Werbepause!

Auto-Werbespot (mit ganz vielen tiefgründigen Sätzen aus dem Off) * Partnervermittlungs-Werbespot (aber nur mit Leuten, die es auch tatsächlich ernst meinen…) * Süßigkeiten-Werbespot (mit einem Haufen Kindern mit gesunden Zähnchen) * Versicherungs-Werbespot (mit ganz vielen glücklichen versicherten Menschen) * Shampoooo-Werbespot (das Model hat keinen Spliss, Leute!)

mikrofon

Uuuund da sind wir schon wieder zurück aus der KURZEN Werbepause und wollen Ihnen das ersehnte Ergebnis unseres kleinen Gewinnspiels nicht länger vorenthalten. Denken Sie daran, der Gewinner bekommt ein exklusives imaginäres Lenkrad im Wert von 365 Yen!
Um diese schwierige und hochkomplexe Frage zu klären haben wir uns erlaubt, einen Spezialisten einzuladen. Begrüßen Sie mit mir ganz herzlich Herrn Hosoka vom Alvor-Verlag!

Mittelalter Mann mit obligatorischer Lesebrille betritt unter unglaublich ernst gemeintem tosenden Applaus die Bühne und setzt sich nach herzlichen Umarmungen mit allen Anwesenden auf der Bühne auf ein sich drehendes Sofa.

Herzlich Willkommen, Herr Hosoka! Wir freuen uns so ungemein, Sie hier bei uns begrüßen zu können, dass uns fast die Konfettibombe geplatzt wäre! Nun da wir die Begrüßungsrituale abgehalten haben, möchten wir zu unserer Frage kommen
* Frage samt Lösungsvorschlägen erscheinen auf übergroßem Bildschirm *
und Sie, verehrteste Herr Hosoka, um ihre Expertenmeinung bitten!

Herr Hosoka streicht sich wichtigtuerisch das Jackett glatt, setzt sich gerade hin, räuspert sich und bequemt sich endlich, der Aufforderung nachzukommen.

Na, da haben sie sich aber eine sehr komplexe Frage ausgedacht, die Super-Frage, wie wir um Klapptext-Business so zu sagen pflegen!
* komisches Kichern seinerseits * gezwungenes Grinsen des Moderators * pflichtschuldig schmunzelndes Publikum*
Ich werde diese schwierige Fragestellung ein wenig vereinfacht erläutern, also hört gut zu! Das Allerwichtigste an einem Klapptext ist, dass er informativ ist. Der Leser muss schließlich wissen, wovon das Buch handelt, sonst hat man schnell mal die Katze im Sack gekauft, und das wollen wir ja nicht, oder? Ich verdeutliche euch das der Einfachheit halber am Paradebeispiel „Tigermädchen“!
*zaubert niegelnagelneues Exemplar von „Tigermädchen“ aus seinem Hut*
Allein der Satz „Dass Melanie ein Tigermädchen ist, weiß sie noch nicht, als sie ins Camp Cataara eintritt“ offenbart schon mal die große Enthüllung, die im eigentlichen Roman erst im mittleren Teil eintritt. So weiß der Leser von Anfang an was ihn erwartet, aber um es nicht zu vorhersehbar zu machen, streuen wir gezielt eine, aber nur eine(!) falsche Information. Das ist ein besonderer Kniff im Klapptext-Handwerk, der bewirkt, dass bestimmte Umstände dramatischer wirken als sie letztendlich sind. Um auf „Tigermädchen“ zurückzukommen, möchte ich Ihnen den Satz „Schon bald wird ihre Freundin Laura entführt “ ganz besonders ans Herz legen. Hören Sie im Vergleich den Satz, der sich allzu streng an die Wahrheit hält: „Schon bald wird Laura, ein Mädchen, das Melanie nur vom Hörensagen kennt, entführt“. Sehen Sie nun, was ich meine? Der erste Satz wirkt viel dramatischer, packender, da kann man schon mal vernachlässigen, dass Melanie Laura zum Zeitpunkt der Entführung eigentlich noch nie gesehen hat!
Also ist hier ganz eindeutig Antwort b) die Richtige!

Vielen Dank, Herr Hosoka, dass sie sich Zeit für unsere Frage genommen haben!
Die Gewinner werden gerade von unseren sehr seriösen Anwälten, die zwar kein Jura-Studium aber dafür die eingehende Lektüre von „Jura für Dummies“ vorweisen können, geprüft. Nach der nächsten Werbepause geben wir die Gewinner des imaginären Lenkrads bekannt!

 

Was bleibt, sind die Fragezeichen

Ich mache mir bereits beim Lesen Notizen, damit ich später nichts vergesse. Sicher, bei weitem nicht alle Notizen kommen später tatsächlich in die Rezension, aber hier ist ein besonderer Fall, denn ich habe gerade 15 Fragezeichen gezählt. Aus dieser Bilanz wird deutlich, dass die guten Ideen, die oben geschildert wurden, einfach nicht klar genug beschrieben werden. Diese Kritikpunkte folgen nun in einem hoffentlich nicht ausartenden Text.

Fall 1: Komplette Ahnungslosigkeit

Bevor Melanie ins Land der Nacht kommt, lebt sie in einer ganz normalen Menschen-Stadt, die nicht nur am Anfang, sondern auch später noch hin und wieder eine Rolle spielt, deshalb stellt sich die dringende Frage Wo spielt das überhaupt? Tatsächlich wird kein Stadtname genannt, es heißt auch nicht In der Nähe von Paris, nichts! Meiner Meinung nach muss sich diese Stadt im deutschsprachigen Raum befinden, denn es wird deutlich, dass die Leute deutsch sprechen (aber das weiß man auch nur, weil einer manchmal die Artikel vertauscht). Ansonsten wird uns nur mitgeteilt, dass sie ein Paradies für Vergewaltiger ist, die dann vom Mädchen in Schwarz gejagt werden, aber das war es dann auch schon.
Ansonsten wäre es noch schön zu wissen, wie Melanie eigentlich gelernt hat, mit ihren Gaben umzugehen, aber nein…

Fall 2: Wo sind die Details?

Insgesamt ist mir vieles viel zu vage beschrieben, frühere Mitschüler – die am Anfang vorkommen! – haben keine Namen, sondern sind einfach nur „der Junge“, „die Tussi“ (S.14*) und so weiter, obwohl Melanie die doch mittlerweile kennen müsste.

Wenn ihr an einen neuen Ort kommt, schaut ihr euch doch erst einmal um und bemerkt alle möglichen Details, oder? Tja, Melanie tut das wohl nicht, denn bei ihrer Ankunft im Land der Nacht bekommen wir keine Beschreibung der Stadt und über die Leute wissen wir nur, dass sie eine „ungewöhnliche Ausstrahlung“ (S.27*) haben. Was auch immer das heißen mag…
Über das Land der Nacht selbst wissen wir nur, dass es von Naimet bevölkert ist, aber wie ist es entstanden? Wie ist es aufgebaut und wer regiert es eigentlich? Ohne diese Background-Infos hängt die Geschichte in der Luft.

Der Grund für die Entführung ist, an ein Tigermädchen heranzukommen, aber es wird nicht wirklich deutlich, wieso die Entführer eins brauchen. Es heißt, um Tests an ihm durchzuführen um sich seine Macht anzueignen, aber wie sehen diese Tests aus? Gibt es vielleicht abschreckende Beispiele? Wie zum Teufel wollen sie denn die Macht aus dem Tiger bekommen und was machen sie dann damit? Das ist alles viel zu vage, ich will Details sehen!

Fall 3: Was soll das denn?

Ich bin zwar kein Polizist, aber bei einer Entführung ist Zeit doch ein wesentlicher Faktor, oder? Klar, man tötet in der Regel keine Geisel, aber trotzdem schwebt das Opfer doch in großer Gefahr, oder? Melanie und ihre Freunde sind die Verantwortlichen für den Fall Laura, aber sie suchen nicht gerade mit Hochdruck nach ihr. Meistens gehen sie ganz normal zur Schule, nur alle paar Tage recherchieren sie mal ein wenig, während Laura in ihrem Kellerloch Todesängste aussteht. Die Suche wird eher wie ein gelegentliches Projekt behandelt, nicht wie ein Vollzeitjob und das verstehe ich einfach nicht. Ist ihnen der Reitunterricht etwa wichtiger und müssen sie immer den ungläubigen Tyrannen von Campleiter vorschieben?

Das alles sind für sich genommen keine wichtigen oder ausschlaggebenden Gründe, die gegen den Roman sprechen, aber zusammen ergeben sie schon eine ganze Liste, wobei ich die ganz nebensächlichen Dinge wie Warum führt denn der Lüftungsschacht bitte in den Gulli? oder Vergewaltiger-Gang? Organisieren sich impulsive Täter? außen vor gelassen habe.

 

Insgesamt lässt sich sagen, dass viele gute und auch neue Ideen in dem Roman stecken sodass man beim Lesen nicht das Gefühl hat, diese Geschichte doch so oder so ähnlich schon tausendmal gelesen zu haben. Allerdings ist die Schilderung oft eher vage, es fehlen Details, Ausschmückungen, manchmal Background-Infos, die mit einem einzigen Satz hätten eingebaut werden können. Dazu kommt, dass der Klapptext gleichzeitig zu viele und falsche Informationen enthält.

3_luftballons

 

Vielen Dank an Delia Muñoz und den Eisermann-Verlag, die mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

*ISBN: 9183946342571 (eBook)

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