Klischee-Archiv: Weibliche Hauptcharaktere

Du streckst die Hand nach der großen alten Tür mit der altmodischen Aufschrift Klischee – Archiv: Zutritt nur für Autoren aus und drückst sie vorsichtig auf. Vor deinen Augen erstreckt sich Reihe um Reihe von Schränken, große und kleine, protzige und schlichte, mal aus Holz, mal aus Metall. Unentschlossen siehst du dich um. In welchen Gang willst du heute gehen?

Zu deiner linken entdeckst du einen sehr hellen und offenbar auch viel benutzten Gang, denn der dunkelrote Teppich zeigt an dieser Stelle Spuren von sehr vielen Schuhen, die ihn schon betreten haben. Neugierig biegst du um die Ecke und siehst dich zwei Frauen, die sich über ein kleines goldenes Schränkchen beugen, gegenüber. Die brünette schaut nur kurz auf und vertieft sich dann wieder in den Zettel, den sie in der Hand hält, die blonde ignoriert dich völlig. Du nickst ihnen unverbindlich zu und setzt deinen Weg die Schrankreihe entlang fort. Etwa in der Mitte der Reihe bleibst du erneut stehen, weil ein gigantischer Schrank aus hellem Holz deine Aufmerksamkeit erregt hat. Er ist der größte, den du bisher im gesamten Archiv gesehen hast und trägt die Aufschrift: Weibliche Hauptcharaktere. Da kann ein Blick doch nicht schaden, oder?

klischee-archiv-weibliche-hauptcharaktere

Eine Verdeutlichung deiner aktuellen Situation

 

Entschlossen ergreifst du beide Schranktüren und ziehst sie mit einem Ruck auf. Das Innere dieses Schrankes besteht genau wie der, den du bei deinem letzten Besuch durchgesehen hast, aus vielen, vielen Schubladen, die alle mit kleinen Schildchen beschriftet sind. Etwa auf Augenhöhe fällt dir ein Schild mit der Aufschrift Rotkäppchen ins Auge, also öffnest du die Schublade und nimmst ein rosafarbenes Blatt Papier heraus:

 

Rotkäppchen

Merkmale:

  • naiv bis zum Fremdschämen (damit geht meist ein jugendliches Alter einher)
  • sieht dem bösen Wolf die Bosheit nicht an (Anmerkung: Dieser Typ ist vor allem Autoren mit geringer Kreativität Fallen betreffend zu empfehlen, denn Sie können sich die allerbilligste, durchschaubarste kleine Falle ausdenken und Rotkäppchen wird hineinlaufen!)
  • weicht für jede schöne Blume vom (Lebens-)Weg ab, verzögert damit aber nur ihr Ende
  • landet letztendlich doch beim großen bösen Wolf im Bett (siehe hierzu: Bad Boy)
  • so liebenswürdig und süß, dass jeder, wirklich jeder sie gern hat
  • zunächst Fremden gegenüber eher scheu, aber nach 1-2 Seiten sind sie BFFs oder BCITDW (Erläuterung: Abkürzung steht für Best Couple In This Damn World)
  • ist auf den Jäger angewiesen, der sie aus Schwierigkeiten holt
  • opfert sich gerne für Freunde/die Menschheit auf (WICHTIG: Es darf bei diesem Plan keinen Plan B geben! Scheinbar letzter Ausweg!)

Vorkommen:

Rotkäppchen zeigt sich gerne in Urban-Fantasy-Romanen, wo es dann völlig zufällig in die fremde Welt gerät und dem erstbesten, der ihr über den Weg läuft, ihr Vertrauen schenkt. Es entwickelt sich zum Mittelpunkt der Probleme dieser Welt, die irgendwie um wie viele Ecken auch immer mit ihr zusammenhängen und löst diese dann in scheinbarer Selbstaufopferung, die es aber selbstverständlich überlebt.

Eine zweite Möglichkeit, sich dieser Spezies zu bedienen, findet sich sehr gut in Love-Stories, wobei besagter Entscheidungs-Konflikt zwischen dem schönen Blümchen und dem bösen Wolf, der ihr schon mal das Bett wärmt, im Mittelpunkt stehen sollte.

Beliebtheitsgrad:

Bei weitem der beliebteste Typus für die oben genannten Genres, also scheuen Sie sich nicht, ein Rotkäppchen in Ihren nächsten Bestseller-Roman einzubauen, denn (negativ) auffallen wird er dadurch zumindest schon mal nicht.

Beispiele:

Diese Liste könnte lang werden…

 

Oh ja, der Typ kommt dir auch bekannt vor und du erinnerst dich daran, dass du jedes mal am liebsten den Kopf gegen die Wand hauen würdest, wenn mal wieder ein blindes Rotkäppchen in die durchschaubarste Falle geht. Nun, du bist sicherlich nicht die erste, die diesen Zettel in der Hand hatte…
Du legst den Steckbrief zurück in die Schublade und öffnest auf Geratewohl eine andere rechts von dir. Sie ist mit dem Schildchen Bad Ass beschriftet und neugierig greifst du hinein und ziehst einen ähnlichen Zettel heraus, nur ist dieser nicht rosa wie beim Rotkäppchen, sondern schwarz wie die Nacht mit weißer Schrift.

 

Bad Ass

Merkmale:

Anmerkung am Anfang: Da dieser Typ das weibliche Pendant zum Bad Boy ist, gibt es Überschneidungen bei deren Merkmalen.

  • wichtigste Eigenschaft: TOUGH
  • tragische Familiengeschichte, die diese „harte Schale“ hervorgerufen hat (z.B. Tod eines Familienmitglieds/Freunds, den sie nicht verhindern konnte oder mit ansehen musste -> Hilflosigkeit -> Bad Ass)
  • Meisterin in diversen Kampfsportarten (Falls wir uns in einer High-Fantasy-Welt bewegen, ist das Bad Ass eine gute Säbelschwingerin, kein Karate bitte!)
  • selbstbewusst bis arrogant. Meistens letzteres.
  • Heldenkomplex (Ist immer die Erste, die sich freiwillig meldet, wenn es ein Himmelfahrtskommando anzuführen gibt)
  • lässt sich nichts gefallen (Wichtig, da sie sich vermutlich meist in männlicher Umgebung befindet und es immer den einen Kerl geben muss, der sie deshalb mobben will.)

Vorkommen:

Action natürlich, Fantasy, aber auch in Krimis ist das Bad Ass die knallharte Kommissarin, die jeden aufmüpfigen Verbrecher überraschend (für ihn) niederschlägt und sich allgemein nichts sagen lässt.

Beliebtheitsgrad:

Nicht ganz so hoch wie bei Top-Typen wie Rotkäppchen, aber das Bad Ass sollte auf der Suche nach Charaktereigenschaften für die nächste Protagonistin nicht vernachlässigt werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach spielen Sie schon jetzt mit dem Gedanken, ihr Bad Ass mit einer anderen Person zu verkuppeln. Aber hier aufgepasst! Dieser Typ verträgt sich auf romantische Weise NICHT mit dem Bad Boy! Gegensätze sind wichtig! Kontraste! Wir empfehlen deshalb die Paarung mit einem Good Guy, auch wenn es einige wenige geglückte Versuche bei der Bad Ass – Bad Boy – Zusammenführung gab.

Beispiele:

 

Gut, der Bad Boy ist dir natürlich ein Begriff, aber das Bad Ass kommt dir auch unterschwellig bekannt vor. Schnell legst du den Zettel in die Schublade zurück und öffnest eine weitere, ohne vorher auf das Schildchen zu schauen, denn deine Zeit wird langsam knapp.

 

Prinzessin

Merkmale:

  • verwöhnt (bekommt ALLES, was sie will)
  • aus gutem Hause (entweder Adlige oder die Eltern sind trotzdem reich)
  • arrogant (Spieglein, Spieglein… )
  • blind gegenüber „den Untergebenen“/der Unterschicht
  • die Ober-Zicke auf dem Schulhof
  • hatte/hat ein sehr behütetes Leben und war noch nie in der echten Welt
  • entwickelt sich meistens im Laufe der Geschichte zur Heiligen, die sich aus lauter Selbstlosigkeit (und schlechtem Gewissen) aufopfert

Vorkommen:

Als echte Prinzessin oder Tochter eines Kaisers/Herzogs/Fürsten/Grafen/Barons… in diversen Fantasy-Romanen, aber auch einfach als reiches Mädchen in Romanen jeder Art.

Beliebtheitsgrad:

Taucht als Nebencharakter sehr oft als die Rivalin der Protagonistin auf, als Protagonistin allerdings eher selten, weil viele Autoren zu glauben scheinen, dass sich ihre Leser mit den Figuren identifizieren können müssen. Aber trauen Sie sich ruhig mal etwas! Es muss ja nicht jeder jeden leiden können…

Beispiele:

 

Hinter dir ertönt ein lautes Räuspern und erschrocken drehst du dich um, das Blatt immer noch in der Hand. Vor dir steht ein älterer Herr, dem du wohl schon länger den Zugriff auf die Weiblichen Hauptcharaktere versperrst. Leise stotterst du eine Entschuldigung und wirfst schnell die Prinzessin in ihre Schublade und machst den Weg frei.

Du drehst dich um und läufst so schnell es geht ohne zu rennen auf den Ausgang zu. Das war knapp! Wenn der Kerl gemerkt hätte, dass du gar keine Autorin bist, wärst du in echte Schwierigkeiten geraten, das Archiv ist schließlich ein verbotener Bereich für die Leser. Du schließt die große Tür hinter dir und machst dich auf den Weg zum Saal der Leser.

 

War das dein erster Besuch im Klischee-Archiv? Dann solltest du unbedingt die Abteilung Männliche Hauptcharaktere nachholen…

 

 

 

Advertisements

3 Gedanken zu „Klischee-Archiv: Weibliche Hauptcharaktere

  1. Ich musste bei dieser Formulierung herzlich lachen: „Best Couple In This Damn World“ Danke dafür! Ansonsten habe ich deine beiden Klischeearchive sehr genossen und insbesondere die Bad Ass-und Bad Boy charas gehen mir mitterweile echt auf den Kekes, zumal diese derzeit in der Mehrzahl zu sein scheinen….Immer diese sooo toughen Protas, die sich nichts gefallen lassen. Danke dir für diesen amüsamten und zutreffenden Beitrag! Und ja, ich glaube jeder ist schon einmal in solch eine Klischeefalle gefallen^^

    Gefällt 1 Person

    • Danke dir :). Es stimmt schon, man scheint um diese Klischees einfach nicht herum zu kommen. Dabei ist das wirklich schade, denn es macht alles so vorhersehbar, wenn man zum Beispiel weiß, dass es eine Love-Story ist und im Laufe des Buches kreuzen ein Bad Boy und ein nette Junge den Weg der Protagonistin. An der Stelle kann man dann eigentlich auch aufhören, man weiß sowieso schon, was passiert…
      Aber ich muss auch sagen, manchmal muss man ihnen eine Chance geben, sich zu entwickeln, vielleicht soll der eine oder andere Mitspieler am Anfang sehr unsympathisch sein, wer weiß?

      LG Johanna

      Gefällt 1 Person

      • Ja genau! Oh ja sobald ein „mysteriöser“ Typ um die Ecke kommt weiß ich bereits das wird ihr Love Interest *seufz*. Ja, das mag auch sein. Ich habe an sich auch nichts Klischees, im Gegenteil sie stimme ja durchaus. Aber diese beiden Dinge kann ich derzeit einfach nicht mehr lesen, wir werden sehen… LG Nadine 🙂

        Gefällt 1 Person

Gib deinen Senf dazu:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s