Das Spiel von Liebe und Tod

„Irgendwann wird jeder, den du liebst, tot sein. Alles, was du liebst, zu Staub werden. Dies ist der Preis des Lebens. Dies ist der Preis der Liebe. Das einzig mögliche Ende jeder wahren Geschichte.“ (S.6*)

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Das Spiel von Liebe und Tod
Bildquelle: OnleiheVerbundHessen

  • Autorin: Martha Brockenbrough
  • Genre: Love-Story, Fantasy
  • Originaltitel: The Game of Love and Death
  • deutsche Ausgabe: 2016 bei Loewe
  • Seiten: 400

Romeo und Julia, Kleopatra und Mark Anton, Napoleon und Josephine, sie alle waren schon Figuren in dem jahrtausendealten Spiel von Liebe und Tod. Die Regeln sind einfach. Verlieben sich die Paare vor dem ausgewürfelten Termin, hat die Liebe gewonnen, trennen sie sich, triumphiert der Tod und einer der Liebenden muss sterben.

Immer wieder steht Henry vor der Tür des Jazzclubs, in dem Flora allabendlich singt. Er ist hingerissen von der schönen jungen Frau, ihrer Stimme und ihrer Musik. Flora dagegen versucht lange, sich gegen ihre Gefühle zu wehren. Ihre Haut ist schwarz und eine Beziehung mit einem weißen jungen Mann ist im Seattle des Jahres 1937 völlig ausgeschlossen.

Was Flora und Henry nicht wissen: Sie sind nur Figuren in einem uralten Spiel, in dem die Liebe selbst und ihr alter Widersacher Tod menschliche Gestalt angenommen haben. Und beide nutzen all ihre manipulativen Fähigkeiten, um zu gewinnen.

Quelle: Loewe-Verlag


Zunächst einmal sollte gesagt sein, dass die Idee, die hinter diesem Roman steckt eine sehr originelle, aber für einen Autor auch gewagte ist. Immerhin ist dies nicht eine „einfache“ Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die eben zu dieser kritischen Zeit spielt, die allein schon viele ernsthafte Schwierigkeiten bereitstellt, nein, zusätzlich, oder vielmehr parallel dazu hat die Autorin zwei schwierig definierbare Charaktere, die auch ihre ganz eigenen Probleme miteinander haben UND einige nicht ganz unwichtigen Nebencharaktere, die wiederum ihre nicht ganz unwichtigen Geheimnisse haben, die die ganze Handlung noch mal umstürzen könnten.

Für diejenigen, die im Verlauf dieses Bandwurmsatzes den Faden verloren haben: Es ist kompliziert. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, konnte mich dieser Roman wirklich, und ich meine WIRKLICH überzeugen.

Im folgenden beschäftigen wir uns der Reihe nach mit allen möglichen Steinen, die sich der Autorin beim Schreiben dieses Romans in den Weg gelegt haben könnten:

Vergleichsweise kleiner Stein: Das Setting

Seattle 1937. Klingelt es da bei euch? Nein, bei mir auch nicht. Es mag ja sein, dass ich in amerikanischer Geschichte nicht ganz up to date bin, aber bei 1937 schrillt bei mir nur die Oh-Gott-nur-noch-zwei-Jahre-Glocke, während mein Gedächtnis beim Wort Seattle nur USA, Staat Washington, Nordwesten, an der Grenze zu Kanada und Hat da nicht mal so eine besche***** Sendung gespielt? Die mit Ariana Grade? liefert. Beides zusammen ergibt nichts sonderlich nützliches und da ich davon ausgehe, dass Martha Brockenbourgh mit heute 46 Jahren nicht in besagter Zeit lebte, hatte musste sie sich wohl in eine ziemliche Recherche-Wut stürzen.

Logischerweise habe ich keine Beweise aus erster Hand, aber auf mich wirkte dieses Seattle der 1930er durchaus authentisch und meiner Ansicht nach ist ihr die Darstellung der Gesellschaft und deren Weltanschauung durchaus gelungen.

Was man sich vor Augen halten muss (ist allerdings auch kaum zu übersehen) ist der allgegenwärtige Rassismus, allerdings die radikale Variante, NICHT die „Ich habe ja nichts gegen Schwarze, ABER…“, sondern die „Wenn du dich mit einer Schwarzen einlässt, kannst du dich in meinem Haus nicht mehr blicken lassen, Söhnchen!“-Version.

Darauf ein Zitat:

„“Endlich sagt mal einer, wie´s ist mit diesen schmuddeligen Farbigennachtclubs. Die bringen doch nichts als Ärger. Führen auf direktem Weg in die Hölle.“
„Waren Sie denn schon mal dort?“ […]
„Muss ich gar nicht. Nicht in die Hölle und nicht in so einen Farbigenclub““ (S.253*)

 

Mittelgroßer Stein: Zwischen Romantik und Kitsch

Ich rege mich ja sehr gerne darüber auf, wie kitschig und vorhersehbar doch Young-Aduld-Novels und die darin vorhandenen Liebesgeschichten sind, aber hier gibt es kaum etwas zu meckern!

Anstelle der typischen „Oh, ich sehe jemanden, der mir gefällt! Jetzt muss ich ihm blindlings hinterherrennen und hoffen, dass er mich bemerkt“-Manier, denken unsere beiden Protagonisten Henry und Flora durchaus über die Konsequenzen nach. Sie sind auch beide erst 17, stürzen sich aber nicht blind ins Abenteuer und gucken nachher blöd, wenn sich Schwierigkeiten anbahnen, sondern BENUTZEN IHR HIRN! Und wisst ihr was? Es war eine wirklich schöne Liebesgeschichte, auch wenn NICHT beide Partien von Anfang an hin und weg waren und an nichts anderes mehr denken konnten.

 

FELSBROCKEN: Authentische Charaktere

Ich muss zugeben, dass ich anfangs dachte, die Sache mit Liebe und Tod sei eine Metapher, aber nein, die beiden treten hier als reale Personen auf, die durchaus auch einen eigenen Charakter haben. Aber bevor wir uns den wirklich schweren Fällen zuwenden, werfen wir doch kurz einen Blick auf Henry und Flora, die beiden Spielfiguren.

Henry ist die Spielfigur, die Liebe ausgewählt hat. Damit geht natürlich einher, dass er für alles romantische ziemlich schnell zu haben ist, aber auch wenn einige seiner Äußerungen nicht ganz kitsch-frei sind, ist es bei ihm schon noch authentisch und das macht in diesem speziellen Fall nun einmal den Unterschied zu den „normalen“ Young-Aduld-Novels.

Henry hat seine Eltern als Kind bei einem Autounfall verloren und lebt seitdem bei der wohlhabenden Familie seines besten Freundes Ethan. Er liebt die Musik und seinen Kontrabass, hat ein Stipendium an einer sehr guten Schule und gute Aussichten, eines Tages bei der Zeitung von Ethans Vater zu arbeiten. Allerdings unterstützen seine Pflegeeltern seine Leidenschaft für die Musik gar nicht und sind selbst erklärte Rassisten sodass eine Beziehung mit Flora für ihn zum Rauswurf führen würde, man hat ja schließlich einen Ruf zu verteidigen, nicht wahr?

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Wer macht sich nur so viel Arbeit? Aber gut, Schönheit ist nun mal vergänglich…

Henrys Welt ist so schön und zerbrechlich wie eine Eisskulptur: Ein Fehltritt und sie liegt unwiderruflich in 1000 Scherben. Also passt du auf und bist vorsichtig, denn obwohl du weißt, dass sie irgendwann schmelzen würde, willst du sie nicht vorzeitig zerbrechen.

Flora, die Spielfigur des Todes (unwissentlich natürlich) ist ganz anders als Henry. Ihre große Leidenschaft ist das Fliegen, weshalb sie auch auf einem Flugplatz arbeitet, aber das Geld für eine Weltreise oder ein eigenes Flugzeug kann sie nicht aufbringen, egal wie lange sie spart. Auch Floras Eltern sind bei einem Autounfall gestorben (:o). Sie hat die Schule geschmissen um ihrer Großmutter helfen und arbeiten zu können. Noch dazu gehört ihr die Hälfte eines Nachtclubs (einer von denen, die direkt in die Hölle führen), in dem sie als Sängerin auftritt.

Flora ist sich durchaus bewusst, wo ihre Hautfarbe sie in der Gesellschaft ansiedelt und was das für sie bedeutet. Eine schwarze Pilotin? Unmöglich! Eine Beziehung mit einem Weißen? Ein Skandal! Trotzdem würde ich sie nicht zwingend als verbittert bezeichnen, auch wenn sie scheinbar auf einem guten Weg ist. Sie ist auch diejenige, die immer ein bisschen auf die Bremse tritt, wenn Henry ihr näher kommt.

Diese beiden sind durchaus sympathische und authentische Charaktere, aber die wirklich interessanten Personen kommen ja erst noch: Liebe und Tod.

„Liebe und Tod mochten ewige Weggefährten sein, aber verbündet hatten sie sich niemals.“ (S.156*)

Liebe und Tod spielen dieses Spiel schon jahrtausendelang und Tods Erfolgsquote ist deutlich höher als Liebes. Sie legen die Regeln fest, das Datum, an dem das Spiel endet, den Gewinn, dann suchen sie sich jeder ein Baby aus, die dann später miteinander spielen, ohne es zu wissen.

Allerdings bleiben Liebe und Tod keine stillen Zuschauer, die das ganze Schauspiel von einer Wolke aus beobachten, nein, sie mischen beide ordentlich mit um das Spiel zu ihren Gunsten zu bestimmen. Dabei scheinen auf beiden Seiten Kollateralschäden erlaubt zu sein, denn das Spiel ist ganz bestimmt nicht harmlos und betrifft nicht nur die Spieler, sondern auch andere Nebenfiguren, die manchmal einem bestimmten Zweck dienen und deshalb ausgenutzt werden, oder aber einfach im Weg sind.

Über die Personen selbst will ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber soviel soll gesagt sein: Sie sind nicht völlig bösartig, lassen sich überhaupt schlecht auf einen einzigen Stereotypen begrenzen, sondern sind durchaus in der Lage, sich weiterzuentwickeln.

„Ihre Macht war weitaus größer als seine und das Spiel für sie nichts anderes als eine amüsante Zerstreuung.“ (Liebe über Tod, S.21*)

 

Ein paar weitere Kieselsteine

Dies wird eine Auflistung kurzer Anmerkungen und kleiner Kritikpunkte, die keinen eigenen Absatz wert waren:

  • Spannung: Leider ist auch dieses Buch nicht perfekt: Im letzten Drittel gibt es einen kleinen Spannungs-Hänger. Da muss man durch, es lohnt sich!
  • Erklärungen: Auch in diesem Buch gibt es die guten alten Erklärungen. Tod ist offenbar persönlich für einen Bombenabwurf in Spanien und den Absturz der Hindenburg verantwortlich. Nun gut, in diesem Fall stört das nicht so sehr, weil darauf auch nicht übermäßig herumgeritten wird.
  • Erzählperspektive: Die Perspektive ändert sich mit jedem Kapitel: Mal Henry, mal Flora, mal Tod, mal Liebe oder auch Ethan (Henrys Best Buddy). Dadurch weiß der Leser natürlich von Anfang an, was Sache ist, aber es bleibt trotzdem spannend.

 

Ein besiegter Haufen Steine

Das Spiel von Liebe und Tod ist ein außergewöhnlicher Young-Aduld-Novel mit einer gewagten und wirklich originellen Idee, die trotz aller Steine, die sich der Umsetzung in den Weg gelegt haben können, sehr gut zur Geltung kommt. Außerdem ist die Figurenkonstellation ungewöhnlich und sicher schwierig, authentisch rüberzubringen, was der Autorin aber mehr als gut gelingt. Alles in allem wird mir dieser Roman noch lange im Gedächtnis bleiben.

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*ISBN: 9783732006090 (eBook)

Und weiter?

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  • NEUNEUNEU!! Der wirklich gute Fantasy-Roman von Rena Fischer: Chosen – Die Bestimmte
    –> Rezension
  • Für alle, die gerne negative Rezensionen lesen: die offizielle Vernichtung von Angel Hunter
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