Klischee-Archiv: männliche Hauptcharaktere

Leise quietschend fällt die Tür hinter dir ins Schloss. Hat dich jemand gehört? Eigentlich hast du als Leser gar keinen Zutritt ins Klischee-Archiv, dieser Teil des Bookpalastes ist den Autoren, die nach Inspiration für ihren nächsten Bestseller suchen, vorenthalten. Neugierig siehst du dich um, aber ein bärtiger Mann wirft dir einen misstrauischen Blick zu, sodass du lieber schnell in die entgegengesetzte Richtung eilst. Niemand hier kennt dich, also kann auch niemand mit Sicherheit sagen, dass du hier nicht hergehörst, nicht wahr? Also Kinn hoch und selbstbewusst weitergehen! Na also, ist doch gar nicht so schwer.

Dein Blick wandert die langen Schrankreihen entlang und bleibt an einem der größten Schränke im Gang hängen. Er ist aus dunklem Holz gebaut und auf einem altmodischen Schildchen stehen in eleganter Schreibschrift die Worte Männliche Hauptcharaktere. Im Gegensatz zum Großteil der anderen in diesem Gang sehen die Griffe dieses Schrankes aus, als hätte so ziemlich jeder Autor, der das Archiv im letzten Jahrzehnt betreten hat, schon einmal einen Blick hineingeworfen. Ist ja auch verständlich, immerhin braucht jedes Buch einen guten Helden, nicht wahr?

schubladen

Du streckst die Hand nach der Tür aus und öffnest sie zögernd. Dein Blick fällt auf eine Unmenge an Schubladen, die jeweils mit einem winzigen Zettelchen beschriftet sind. Du kneifst die Augen zusammen um die Aufschrift direkt vor deiner Nase zu entziffern: Bad Boy. Vorsichtig öffnest du die Schublade und gehst sicherheitsshalber einen Schritt zurück, man weiß schließlich nie, was einem in diesem Palast so über den Weg läuft. Aber statt eines tollwütigen Drachen flattert dir nur ein Blatt Papier entgegen. Du bückst dich und hebst es misstrauisch hoch. Auf dem Zettel liest du folgendes:

Bad Boy

Merkmale:

  • sehr gutes Aussehen trotz kleinerer Makel (Narben etc. erwünscht)
  • Sportler (erfolgreiche bitte!)
  • Aufreißer / Frauenheld
  • Drogen- und / oder Gewaltprobleme (Je nach Schweregrad kann ein Gefängnisaufenthalt oder Schulverweis eingebaut werden)
  • tragische Vergangenheit / schwierige Kindheit (Misshandlungen, Tod diverser Familienmitglieder)
  • abschreckendes Image
  • Arroganz Wichtig!!!
  • allen außer der weiblichen Protagonistin gegenüber unausstehliches Verhalten

–> Harte Schale, weicher Kern

Vorkommen:

Der gemeine Bad Boy treibt sich gerne in Liebesromanen herum, wobei er keinen Unterschied zwischen Büchern für Jugendliche und solchen für Erwachsene macht. Des weiteren ist er häufig in Fantasy- und Science-Fictionromanen anzutreffen, gesetz der Fall, dass es eine Liebesgeschichte als Nebenhandlung gibt.

Beliebtheitsgrad:

Dieser Typ der männlichen Hauptcharaktere erfreut sich großer Beliebtheit bei zeitgenössischen Autoren, da diese mit seiner Hilfe ohne allzu großen Aufwand oder Überanstrengung ihrer rechten Hirnhälfte einen berechenbaren Protagonisten erschaffen können, der sich in fast jedes Genre einbauen lässt. Erschreckenderweise wurde in den letzten Jahren Kritik an diesem praktischen Allzweck-Protagonisten laut, sodass wir zur unauffälligen Nutzung und ggf der Kombination mit einem anderen Typus raten.

Beispiele:

Um nur einige aus dem Überfluss an Beispielen für den Bad Boy zu nennen:

Schmunzelnd legst du das Blatt wieder in die Schublade zurück. Oder steht hier irgendwo ein Mülleimer? Dann könntest du die Bücherwelt vor weiteren Klischees bewahren…
Du wendest dich der nächsten Schublade zu, die die Aufschrift Wunderkind trägt. Vom Bad Boy hast du ja schon oft gelesen, aber anscheinend gibt es hier auch unbekanntere Klischees. Auch hier befindet sich nur ein Blatt Papier, auf dem folgendes steht:

Wunderkind

Merkmale:

  • fotografisches Gedächtnis (unvermeidbar!)
  • verfrühter Schulabschluss
  • „inoffizielle“ Arbeit für Behörden (Gerne FBI, CIA, etc…)
  • entweder schüchtern und zurückhaltend oder ein überdimensionales Ego
  • manchmal: weltfremd (nur wenige soziale Kontakte…)
  • oft: Tragische Vergangenheit
  • anfällig für Langeweile
  • AUF DER SEITE DER GUTEN!!!

Vorkommen:

Die Spezies Wunderkind taucht seit „Sherlock Holmes“ gerne in Kriminalromanen und auch entsprechenden Serien auf, wobei es bei dieser speziellen Unterkategorie essentiell ist, sie als solche zu bezeichnen (etwa durch ähnliche Namensgebung oder Figurenkonstellation wie im Original).
Wer sich dieses Klischees bedienen will, aber nicht als Sherlock-Holmes-Imitat bezeichnet werden möchte, kann die eine oder andere Eigenschaft abändern / streichen oder aber einige sherlock-untypische Merkmale (wie z.b komplette Unmusikalität) hinzufügen.

Beliebtheitsgrad:

Diese Spezies wird wie gesagt gerne in Kriminalromanen eingesetzt und zeigt sich laut unseren Beobachtungen sehr erfolgreich in diesem Genre. Dabei wird gerne auf den Sherlock-Holmes-Typ zurückgegriffen, wobei wir Ihnen Mut zusprechen wollen, das beste aus diesem Klischee zu machen und so vielleicht eine etwas individuellere Figur zu erfinden.

Beispiele:

Ja, solche Typen sind dir auch schon untergekommen, allerdings hast du sie bisher eher in Serien bemerkt. Ein bisschen klischeehaft, sicher, aber die dürfen nun mal nicht fehlen… Du lässt deinen Blick über die restlichen Schubladen wandern. Einer geht noch, oder? Lange kannst du hier auch nicht mehr bleiben, es ist schließlich nur eine Frage der Zeit bis irgendein unkreativer Autor auf der Suche nach den Merkmalen des Bad Boys hier vorbeischaut. Schnell stopfst du das Wunderkind zurück an seinen Platz und nimmst dir stattdessen den Good Guy vor:

Good Guy

Merkmale:

  • guter Ruf / bei allen beliebt
  • bescheiden / großzügig (deshalb beliebt)
  • nutzt seine Position nicht aus (falls er anderen Befehle erteilen kann)
  • IMMER auf der Seite der Guten!!! (Führt nichts Böses im Schilde)
  • vertrauenswürdig
  • unwillentlich in Geschehen verwickelt oder glaubt an die Sache und ist deshalb bereit, alles aufs Spiel zu setzen
  • tragische Vergangenheit hier nicht zwingend notwendig

Vorkommen:

Der Good Guy kommt als Nebenfigur häufig in Liebesromanen vor, indem er etwa den besten Freund der Protagonistin oder ihren Bruder darstellt. Auch in anderen Genres taucht hier und da ein sympathischer Typ auf, der aber keine der wirklich wichtigen Figuren ist.

Beliebtheitsgrad:

Diese Gattung ist bei Autoren nicht sonderlich beliebt, weil sie der Meinung sind, dass unkomplizierte Typen nicht für genug Spannung sorgen. Unser Tipp für Sie: Wenn Ihre Protagonistin in Richtung knallhart / tough tendiert, dann bedienen Sie sich guten Gewissens des Good Guys als Ausgleich, damit das Bad Ass – Unschuldslamm – Klischee erfüllt wird.

Beispiele:

Für diese Sorte gibt es nicht allzu viele Beispiele, aber sehr gut umgesetzt wurden die folgenden:

 

Nachdenklich schaust du auf das Papier in deiner Hand. Wie ist ein so unbekannter Typ denn bitte im Klischee-Archiv gelandet? Es wäre schon schön, wenn der eine oder andere Autor dieses Blatt finden würde und vielleicht mal eine Geschichte ganz ohne Bad Boy schreiben könnte. Da kann man ja ein wenig nachhelfen, nicht wahr? Du legst das Blatt zurück in die Schublade, lässt aber eine Ecke herausragen. So muss doch irgendwann mal jemand darauf aufmerksam werden, oder?

Tür zum Klischee-Archiv.png

Du schaust auf deine Uhr. Schon so spät! Du musst dringend zurück in den Saal der Leser, damit dich dort niemand vermisst. So lange geht schließlich keiner auf Toilette…
Du schließt den Schrank und machst dich auf den Weg zur großen Eingangstür, die du möglichst leise hinter dir ins Schloss ziehst. Dein Herz pocht noch ein wenig zu schnell vor Aufregung, aber es ist ja alles glatt gegangen. Deine Schritte hallen im Gang wider, als du entschlossen nach draußen gehst. Entschlossen, wieder zu kommen.

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2 Gedanken zu „Klischee-Archiv: männliche Hauptcharaktere

  1. Pingback: Klischee-Archiv: Weibliche Hauptcharaktere | Bookpalast

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