Dem Horizont so nah

„Das Schicksal war ein mieser Betrüger, der seine Sympathien kaltherzig und willkürlich verteilte und sich nicht im Geringsten dafür interessierte, was fair oder sinnvoll war.“ (S.342*)

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Dem Horizont so nah
Bildquelle: Rowohlt


Eine bewegende Geschichte über Freundschaft, Mut, Vertrauen und die Kraft, loszulassen. Eine wahre Geschichte.

Jessica ist jung, genießt das Leben und schaut in eine vielversprechende Zukunft. Dann trifft sie Danny. Sofort ist sie von ihm fasziniert, denn trotz seines guten Aussehens und selbstbewussten Auftretens scheint ihn ein dunkles Geheimnis zu umgeben.
Nach und nach gelingt es Jessica, hinter Dannys Fassade zu blicken und ihn kennenzulernen. Abgründe tun sich auf: Danny ist von Kindheit an zutiefst traumatisiert. Fernab von Heimat und Familie kämpft er um ein normales Leben.
Trotz aller Schwierigkeiten und gegen jede Vernunft entsteht zwischen Jessica und Danny eine innige Liebe. Doch nicht nur Dannys Vergangenheit ist düster, auch seine Zukunft ist bereits gezeichnet. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit …

Quelle: Rowohlt-Verlag


Ich. Bin. Fertig. Mit. Der. Welt. Wenn ihr glaubt, dass euch ein Buch schon jemals so richtig aus den Socken gehauen hat, dann habt ihr dieses noch nicht gelesen.

Da dies eine wahre Geschichte ist, kann man nicht wirklich sagen, ob die Charaktere die passenden Eigenschaften für die Geschichte hatten oder vielleicht zu stereotypisch waren, aber ich kann sie euch ein bisschen näher bringen.

Jessica ist eigentlich ein durchschnittliches Mädchen, weder besonders hübsch noch besonders hässlich, macht eine Ausbildung als Bauzeichnerin und hat auch nichts Tragisches erlebt und ist nach eigenen Angaben „auf dem besten Weg, ein totaler Spießer zu werden.“
Der einen oder anderen dürfte aufgefallen sein, dass die Autorin ja auch Jessica heißt und das ist kein Zufall, weil sie diese Geschichte wirklich so erlebte und ihre eigene Hauptperson ist. Ich muss sagen, dass sie mir nicht immer sympathisch war, vor allem am Anfang ein bisschen sehr naiv – immerhin fährt sie betrunken mit einem Fremden nach Hause, er hätte alles mit ihr machen können! – , aber im Laufe des Buches wuchs sie mir immer mehr ans Herz und ihre Handlungen waren im insgesamt nachvollziehbar – Sie ist eben auch nur ein Mensch, vergesst das nicht.
Was mich allerdings sehr an ihr gewundert hat ist folgendes: Danny erzählt ihr am Anfang, dass seine Eltern in einem Autounfall gestorben seien und als sie herausfindet, dass das gelogen ist, reagiert sie vollkommen gelassen. Als wäre es nichts Ungewöhnliches, dass ihr Freund sie über so etwas Wichtiges angelogen hat.

Die interessantere Person hier ist wohl Danny, der ganz und gar nicht der Norm entspricht. Nicht etwa weil er tätowiert und in Bad-Boy-Manier die Nachbarschaft unsicher macht, sondern weil er etwas Besonderes ist.
Zwar ist er anfangs ziemlich launisch, im einen Moment fürsorglich, im anderen schroff, und wenn es im Privatangelegenheiten geht, so verschlossen wie eine Gefängniszelle, aber es überwiegen doch die positiven Eigenschaften. Danny ist charmant, liebevoll und vor allem verdammt mutig.
Ich werde euch jetzt nicht verraten, was genau ihn so traumatisiert hat, aber insgesamt kann man getrost sagen, dass der arme Kerl die volle Ladung Steine abgekriegt hat, die das Leben einem so in den Weg legen kann. Das Leben hat sie ihm aber nicht nur in den Weg gelegt und gewartet, bis er darüber stolpert, sondern hat sie ihm knallhart ins Gesicht geworfen, sodass er nie eine Chance hatte, auszuweichen.

„Kaum war diese Sache durchgestanden, kam bereits der nächste Schlag. Noch heftiger als der vorherige. Jörg wusste, dass Danny diesen Wahnsinn noch nicht verarbeitet hatte, ihn bis zu seinem Lebensende niemals würde verarbeiten können. Niemand hätte das gekonnt. Es war einfach zu grausam, zu unerträglich und zu endgültig.“ (S.44*)

Trotz dem sein Leben es ihm so schwer macht, wirklich zu leben, hockt er nicht den ganzen Tag auf der Couch und badet in Selbstmitleid, nein, er macht das Beste aus dem, was ihm geblieben ist. Und eigentlich will Danny Jessica auch nicht in all seine Probleme hineinziehen, er warnt sie mehr als einmal davor, aber er ist trotzdem nur ein Mensch.

An einer Sache muss ich hier ein wenig rummeckern, und das ist die Art und Weise, wie Danny über sich selbst spricht, er wirkt manchmal wie ein Schauspieler, dem man die Worte in den Mund gelegt hat, nicht wie jemand, der frei und spontan spricht.
Diese Sätze wirken so künstlich, wie aus einer miesen RTL-Castingshow geklaut:

Bemüht fröhliche Titelmusik, Zoom über das klatschende Publikum auf die rosa dekorierte Bühne.

Moderator (mit angestrengtem Grinsen): Und wir sind auch schon zurück aus der kurzen Werbepause und kommen zum Kandidaten „Danny“! Wir stellen ihm wie den anderen Kandidaten vor ihm jetzt die wichtigste Frage der gesamten Show: Was wünschst du dir von deiner Zukünftigen?

Danny (aufgeregt und versucht, nicht so auszusehen, als hätte er die Antwort auswendig gelernt): „Ich wünsche mir…

„Jemanden, der auch mal an der Oberfläche kratzt, anstatt immer nur darüber wegzusehen. Ja, ich möchte jemanden, der mich wirklich kennenlernen will. Es muss ein Mädchen sein, das sich nicht so leicht einschüchtern lässt. Man braucht ein echt dickes Fell, wenn man es mit mir aushalten will.“ (Danny, S.48*)

Aber Spaß beiseite, kommen wir zu den wichtigsten Themen, die da wären: Handlung und seelischer Zusammenbruch.

In der ersten Hälfte hat man den Eindruck, dass es ein locker-leichter Liebesroman ist, den wir alle schon mal so ähnlich gelesen haben. Jessica und Danny kommen sich schnell näher, die Zeit vergeht im Wind, sie sind glücklich und man weiß, dass noch irgendetwas Schlimmes hinter einer der nächsten Seiten auf einen wartet, aber wie tragisch kann das schon werden, nicht wahr?
Richtig tragisch, wie es aussieht. Lasst euch von dem harmlosen Klappentext und dem mädchenhaften Cover nicht täuschen und für das letzte Drittel des Buches gebe ich euch einen gut (und ernst) gemeinten Tipp: Taschentücher und ein quietschfröhliches Einhörner-tanzen-auf-dem-Regenbogen-Buch bereitlegen um zwischendurch mal durchatmen zu können.

Kennt ihr das, wenn ihr einen richtig schlimmen und traurigen Film seht und dann die ganze Zeit nur denkt: „Es ist nur ein Film. Nur ein Film. Das ist nicht real, die spielen das nur. Es ist nur ein dummer Film.“? Tja, das funktioniert hier aber nicht. Es ist nämlich nicht nur ein Buch, dass sich jemand ausgedacht hat, sondern verdammt real. Da tun sich Abgründe auf, es ist ein Buch voller Schmerz und Liebe.

Dem Horizont so nah ist auf eine gute Art schrecklich, es packt dich und lässt dich nicht mehr los, auch wenn du es schon längst zugeschlagen hast. Ich verspreche dir, dass du diese Geschichte nicht so einfach vergessen wirst und dass du durch sie vielleicht sogar ein bisschen weniger blind durch die Welt stolperst.

Lieblingsbuch!

Lieblingsbuch!

 

Der Rowohlt-Verlag hat mir dieses Buch freundlicherweise zur Verfügung gestellt – Dankeschön dafür.

*ISBN: 978 3 499 29086 2 (Taschenbuch)

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8 Gedanken zu „Dem Horizont so nah

  1. Tolle Rezi! 😀 Ich mag deine Rezension grundsätzlich sehr gerne… Du schreibst offen, kritisch und ehrlich und mit einem super Humor 😉
    Das Buch hört sich eindrücklich an, schon nur mit dem Hintergedanken, dass das eine wahre Geschichte ist. Man leidet7 und freut sich dann dopplet so stark mit!
    Liebe Grüsse nanacara

    Gefällt 1 Person

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