Die Bücherdiebin

„Man sagt, dass der Krieg der beste Freund des Todes ist, aber da muss ich euch berichtigen. Für mich ist der Krieg wie ein neuer Vorgesetzter, der Unmögliches von mir erwartet. Er steht hinter einem und wiederholt immer nur das eine: „Erledige dies, erledige das.“ Also arbeitet man härter. Man erledigt dies und das. Aber der Vorgesetzte dankt es einem nicht. Er verlangt nur noch mehr.“ (S.264*)

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Die Bücherdiebin

  • Autor: Markus Zusak
  • Genre: History, Roman
  • Originaltitel: The Book Thief
  • deutsche Ausgabe: 2008 bei blanvalet

Mein Interesse an der Bücherdiebin wurde an einem eisigen Januartag im Jahr 1939 geweckt. Der Tag war Weiß und ich kam zu einem Zug, der auf dem Weg nach München war. Der Grund für mein Kommen war ein toter sechsjähriger Junge, neben ihm seine Mutter und ein neunjähriges Mädchen. Die Bücherdiebin.

Aber halt! Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ihr glaubt wohl, mich nicht zu kennen, aber früher oder später werde ich auch eure Seelen davontragen, wenn die Zeit gekommen ist. Vielleicht habt ihr schon erraten, wer ich bin, vielleicht auch noch nicht. Für die Zweifelnden unter euch: Ich bin der Tod. Macht euch das Angst?

„Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben „A“. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett sein ist mir völlig fremd.“ (S.7*)

In meinem Job bekommt man keinen Urlaub, denn wer könnte mich vertreten? Um mich abzulenken betrachte ich die Farben, die einen Tag bestimmen und ihr würdet nicht glauben, wie viele es sind. Nun fragt ihr euch bestimmt, wovon ich mich ablenken muss. Sind es die Toten? Nein.

„Die Überlebenden.
Sie sind es, deren Anblick ich nicht ertrage, und in meinen Bemühungen, sie nicht anzusehen, versage ich häufig.“ (S.9*)

Aber von einer Überlebenden werde ich euch erzählen, von einer, die ich nicht vergessen kann und die eine Expertin darin ist, mir aus dem Weg zu gehen: Die Bücherdiebin. Aber zu Beginn ihrer Geschichte war sie noch keine Diebin, sondern ein Mädchen namens Liesel Meminger. Ein Mädchen, das mit ihrem Bruder auf dem Weg nach Molching, einer Kleinstadt bei München, war und einen kurzen Zwischenstopp einlegen musste um ihren kleinen Bruder zu beerdigen. Bei dieser Gelegenheit stahl sie ihr erstes Buch. Das „Handbuch für Totengräber“, ausgerechnet. Ihr erstes Buch lag im Schnee, wie passend, dass sie das zweite aus dem Feuer stehlen sollte, aber bis dahin verging noch eine Weile.

Liesel Meminger wurde von Rosa und Hans Hubermann aufgenommen. Rosa, die immer wütend war und fluchte und Hans, den sie bald als fürsorglichen Vater akzeptierte.

„Manchmal denke ich, mein Papa ist ein Akkordeon. Wenn er mich anschaut und lächelt und atmet, dann höre ich die Musik.“ (S.444)

Mit ihrem Einzug in die Himmelstraße begann für Liesel ein neues Leben. Ein Leben als Bücherdiebin. Manchmal war es glücklich, manchmal traurig, wie das Leben eben ist, aber da kann ich nicht mitreden. Ich frage mich immer noch manchmal woran genau es gelegen hat, dass dieses fröhliche Mädchen ein paar Jahre später gebrochen zwischen den Trümmern der Himmelstraße und den Leichen der Bewohner kniete und ein kleines schwarzes Buch umklammert hielt. War es nur ein fanatischer Führer? Ich glaube nicht…


Nach diesem Buch musste ich erst einmal tief durchatmen. Und den Haufen Taschentücher entsorgen, der sich während den letzten Kapiteln so angesammelt hatten. Aber als strukturierter und vernünftiger Mensch fange ich mal geordnet an, bis ich dann zu besagten letzten Kapiteln komme. Aber keine Angst, ich verrate schon nicht zu viel und auch wenn das etwas längere Klapptext-Imitat da oben euch Angst vor Spoilern macht, packt eure Panik ein, ich habe nicht zu viel verraten, konnte nur bei manchen Zitaten einfach nicht widerstehen.

Also gut. Was braucht jede Geschichte, egal ob gut oder schlecht? Genau, Watson, eine Idee. Die Idee von der „Bücherdiebin“ ist für sich betrachtet nicht gerade neu. Unschuldiges kleines Mädchen führt mit berührender Geschichte die Grausamkeit des Dritten Reichs inklusive Zweiter Weltkrieg vor Augen. So weit, so naja nicht gerade gut. Romane, die in der Nazi-Zeit spielen gibt es viele, eigentlich so viele, dass sie schon ein eigenes Genre verdient hätten, aber trotzdem unterscheidet sich „Die Bücherdiebin“ gravierend von ihren Zeitgenossen. Es ist eins dieser Bücher, bei denen man schon von Anfang an weiß wie es ausgehen wird, aber es sind die Dinge, die zu diesem Ergebnis führen, die hier interessant sind.

Mit diesem Roman wagte Zusak ein ziemliches Experiment, aber das macht ihn auch so besonders. Sagen wir´s mal so. Als ich mit den ersten Kapiteln angefangen hatte, dachte ich mir nur so „Mmm, der Tod? Really? Wenn das mal nicht nach hinten los geht…“ Entwarnung an dieser Stelle: Es geht nicht nach hinten los. Diese Sicht auf die Dinge ist mehr als ungewöhnlich, aber sehr geschickt eingefädelt. Der Tod als Person ist eigentlich nur dreimal während der eigentlichen Geschichte wirklich am Ort des Geschehens, aber er gibt trotzdem zu den Geschehnissen seine Meinung ab und es gibt auch kurze „Ausflugskapitel“, in denen Geschichten von anderen Orten und manchmal auch anderen Zeiten erzählt werden und ab und zu auch mal ein Auszug aus dem Tagebuch des Todes.
Noch eine Besonderheit: Der komplette Roman ist in der ersten Person geschrieben, auch wenn meistens von Liesel berichtet wird. Es ist jedoch mehr als nur ungewöhnlich, dass ein Ich-Erzähler gleichzeitig auch über den eigenen Tellerrand hinwegblickt und ein allwissender Erzähler ist. Er weiß, was Liesel denkt, was Hans denkt, was Rudi denkt…

Der Tod als Person ist überraschend mitfühlend und ganz und gar nicht herzlos. Liesel schließt man schnell ins Herz, genau wie die anderen Leute aus der Himmelstraße und das macht das Ende umso schlimmer.
Der Zweite Weltkrieg forderte ca. 65 000 000 Opfer. Das ist ungefähr die Einwohnerzahl von ganz Frankreich. Wenn man diese Zahl sieht, denkt man sich erst mal, wow, ganz schön viele, aber wir können uns darunter nicht wirklich etwas vorstellen. In diesem Roman wird nicht der Tod von Millionen beschrieben, sondern nur von ein paar Dutzend. Menschen, die man auf diesen 464 Seiten kennen und lieben oder vielleicht auch hassen gelernt hat. Und jedes mal, wenn in diese kleine Welt ein Flugzeug mit einer Bombe eingedringt, fragt man sich doch „Warum? Warum musste das sein? Warum mussten 65 Mio Menschen sterben?“ Die Antwort ist wohl: Hätten sie nicht gemusst. Sie starben aber trotzdem. Und obwohl das eine erfundene Geschichte ist, hätte sie doch so oder so ähnlich geschehen können und das macht das Ganze erst so furchtbar.

Ich könnte noch ewig so weitermachen, aber ich habe die 1000-Wörter-Marke schon überschritten und komme jetzt mal zu einem Ende.
„Die Bücherdiebin“ ist ein wunderbares und gleichzeitig sehr, sehr grausames Buch, das man einfach gelesen haben muss, auch wenn man sonst kein Fan von Nazi-Deutschland/Kriegs-Büchern ist.
Zum Abschluss noch ein Zitat:

„Ich habe keine Sense.
Ich trage nur dann einen schwarzen Kapuzenmantel,
wenn es kalt ist.
Ich habe auch kein Totenschädelgesicht,
das ihr mir so gerne andichtet.
Wollt ihr wissen, wie ich wirklich aussehe?
Ich sage es euch.
Schaut in einen Spiegel.“
(S.262*)

Lieblingsbuch!

Lieblingsbuch!

Wie ihr vielleicht wisst, wurde der Roman verfilmt, und ich verlinke euch mal den Trailer.

*ISBN: 9783894804275, blanvalet-Verlag

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2 Gedanken zu „Die Bücherdiebin

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